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Gespräch mit Hibba Kauser

"Kämpfen lohnt sich!"

Inklusion

Ihr Herz für Mitmenschen entdeckte sie schon in der siebten Klasse – Hibba Kauser wollte früh Mut machen und helfen. So besuchte sie alte Menschen in Heimen und übernahm Patenschaften in Kitas. Die Tochter pakistanischer Eltern wurde Klassensprecherin, engagierte sich im Schülerrat und scheute sich nicht, Politikern die Leviten zu lesen. Nun öffnet sich ein neues Kapitel im Leben der jungen Frau: für ein freiwilliges soziales Jahr reist sie nach Kambodscha. Zeit, um auf Ihre bewegte Zeit als Stadtschulsprecherin von Offenbach zurückzublicken und über eine bessere Schulpolitik zu sprechen.

 

tl_files/ausbildungsplatz/img/Redakteurmaterial/Newsbilder im Artikel/Hibba-Kauser_Newsbild.jpgHibba, zwei Jahre lang, von 2016 an, warst du Stadtschulsprecherin in Deiner Heimatstadt Offenbach. Was waren in dieser Zeit deine wichtigsten Anliegen? 

Hibba Kauser: Oh, es waren viele Anliegen, aber vielleicht das wichtigste war der Kampf um Chancengleichheit. Und zwar an vielen Fronten. Zum Beispiel ging und geht es immer wieder um das Thema der Partizipation von Schülern, die leider in unserem Schulsystem kaum möglich ist. In den Gremien ist die Zusammensetzung so, dass die Lehrer die Mehrheit haben, die Anträge der Schüler keine Chance haben. 

 

Und das macht die Schüler passiv?

Natürlich! Wenn die Lehrer sogar festlegen, wohin die nächste Klassenfahrt geht, haben die Schüler doch das Gefühl, nirgendwo mitbestimmen zu können. Und das ist fatal! Die Schüler erleben keine praktizierte Demokratie im Klassenzimmer. Dabei wäre genau das so wichtig, in diesen Zeiten, wo Rechtspopulisten Erfolge feiern und die Demokratie bedroht ist. Die Stärkung der Zivilgesellschaft, die alle fordern, muss in der Schule beginnen. 

 

Kurz noch einmal zur Chancengleichheit. Die besteht ja auch in materieller Hinsicht kaum.

In einer Stadt wie Offenbach, in der ein Drittel der Schüler arme Eltern hat, müssen Mechanismen greifen, diesen Menschen – und vor allem den Kindern – zu helfen. Die Lehrmittelfreiheit ist da eher Theorie. Wer wenig Geld hat, kann es sich nicht leisten, Schreib- und Zeichenblöcke, Taschenrechner oder gar Musikinstrumente zu kaufen. Da fehlt definitiv die Chancengleichheit!

 

Das klingt jetzt fast ein bisschen frustriert. So als würde sich dein Engagement gar nicht auszahlen? 

Nein, nein, so ist das nicht. Kämpfen lohnt sich! Ein Erfolg ist es schon, wenn man sieht, dass man jüngere Schülerinnen und Schüler erreicht. Wenn sie an den Themen dranbleiben, wenn sie Forderungen stellen, sich Gehör verschaffen.

 

Und darüber hinaus? Was zählt zu deinen grössten Erfolgen als Stadtschülersprecherin?

Ganz konkret haben wir etwas gegen Stellenstreichungen getan. Die sollten schon 2015 umgesetzt werden. Wir vom Stadtschülerrat, aber auch Elterninitiativen etc., haben dagegen demonstriert, mit dem Ergebnis, dass die Kürzungen ein Jahr später zurückgenommen wurden. Ein anderes Thema ist der massive Unterrichtsausfall im letzten Jahr, den Kultusminister Lorz stets bestritt. Die Landesschülervertretung erstellte eine Statistik und bewies das Gegenteil. Damit haben wir auch ein Bewusstsein für dieses Problem geschaffen.


Hast du eigentlich das Gefühl, dass die Schule noch adäquat auf das Leben vorbereitet?

Nein, überhaupt nicht! Das sind veraltete Lehrpläne und teilweise Unterrichtsinhalte, die niemandem etwas nützen. Wir lernen abstrakt, wie ein Gesetz entsteht oder politische Gremien zusammengesetzt sind. Aber ich war während meiner ganzen Schulzeit nie im Hessischen Landtag! Oder im Bundestag! Das müsste eine Selbstverständlichkeit sein. Als Schüler muss man doch hautnah erleben, wie Politik gemacht wird.

 

In Finnland denkt man ernsthaft darüber nach, die herkömmlichen Fächer wie Mathematik oder Englisch abzuschaffen. Stattdessen sollen sogenannte »Phänomene« wie »Cafeteria« unterrichtet werden. Da werden dann bestimmte Elemente der Mathematik ganz anders vermittelt, nämlich am Beispiel von Lebensmittelmengen und Trinkgeldern. Gleichzeitig wird der Umgang mit ausländischen Kunden simuliert und Englisch geredet. Was hältst du davon?

Die Finnen sind ja das glücklichste Volk der Welt, oder? (lacht) Ich finde die Idee gut! Wir brauchen stärkere Anschaulichkeit und einen höheren Praxisbezug. Und wir brauchen in der Tat eine grundlegende Reform der Schule.

 

Wie könnte die aussehen?

Das dreigliedrige Schulsystem, wie wir es jetzt haben, gehört abgeschafft. Es ist doch brutal, wenn die Kinder im Alter von zehn Jahren in verschiedene Schubladen gesteckt werden: die angeblich Unbegabten in die Hauptschule, die angeblich Schlauen aufs Gymnasium. Schule muss inkludierend sein! Und wenn ein Schüler mal verhaltensauffällig wird, dann ist er nicht zu bestrafen. Es ist danach zu fragen, was ihn in die Situation gebracht hat. Das geht natürlich nur, wenn man die Persönlichkeitsentwicklung aller Schüler wirklich ernst nimmt. Aber man braucht sich ja nur mal den mickrigen Bildungsetat anzuschauen – ich finde das völlig falsch!

 

Wo würdest du sonst Schwerpunkte setzen? 

Die Schüler müssen viel besser an die Herausforderungen der Digitalisierung herangeführt werden. Die Schulen verfügen jedoch oft nur über veraltete Computer, sind generell schlecht ausgestattet. Und ich habe schon eine ältere Lehrerin gesehen, die hilflos mit einer Maus über den Bildschirm fuhr. Mit anderen Worten: die Pädagogen sind teilweise überfordert. 

 

Sie können die Schüler dann wohl auch kaum zu einem kritischeren Medienverhalten erziehen. Oder was hältst du davon, dass selbst Studentinnen und Studenten junge Milliardärinnen wie Kylie und Kendall Jenner verehren, die auf Instagram ihren Reichtum feiern und neue Produkte in die Kamera halten?

Das ist natürlich ein extrem oberflächliches Verhalten. Deshalb müssen wir den Kindern in der Schule Medienkompetenz vermitteln. Sie müssen auf die Vorteile der neuen Medien hingewiesen werden, aber auch auf die Gefahren. Ganz falsch wäre es, alles schlechtzureden, denn diese neuen Technologien werden unseren Alltag immer stärker beeinflussen.

 

Du selbst wirst bald nach Battambang in Kambodscha fahren, um dort im Rahmen eines freiwilligen sozialen Jahres in einem Kindergarten und in einer Schule zu arbeiten. Wirst du davon in sozialen Medien berichten?

Vielleicht werde ich einen Blog einrichten. Aber viel wichtiger ist mir, die Kinder dort stärker und selbstbewusster zu machen. Damit auch sie eines Tages in der Lage sein werden, Mitmenschen zu helfen und die Welt besser zu machen!

 

Zur Person: Die Eltern von Hibba Kauser mussten 1999 aufgrund religiöser Verfolgung Pakistan verlassen. Hibba wurde in Brandenburg geboren und wohnt seit 2008 in Offenbach, wo sie an der Leibnizschule ihr Abitur machte. Von 2016 bis 2018 war sie Stadtschulsprecherin. Bekannt wurde sie auch als Mitinitiatorin einer Online-Petition gegen die Abschiebung afghanischer Jugendlicher, die in Offenbach zur Schule gehen. Für dieses Engagement wurde sie mit dem Integrationspreis der Stadt ausgezeichnet. 


Foto: privat

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