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Finnische Bildungspolitik
Die glücklichsten Schüler*innen der Welt
Finnland schafft die Schulfächer ab! Diese Schlagzeile ging vor einigen Jahren um den Globus, auch ausbildungsplatz aktuell berichtete. Das finnische Bildungsministerium sah sich allerdings kurz darauf genötigt, das Bild von der schönen, neuen Welt in den Klassenzimmern zu korrigieren. Zumindest ein bisschen. Dennoch dürften finnische Kinder zu den glücklichsten Schüler*innen auf diesem Planeten gehören. Wir nennen sechs Gründe.
Spinnen die Finnen? Das fragte sich manch ein konservativer Bildungspolitiker in Deutschland, aber auch in vielen anderen Ländern. Schon immer hatten die Skandinavier den Ruf, es in Sachen Schule irgendwie anders zu machen, und zwar mit großem Erfolg. Bei den PISA-Stu-dien schnitt Finnland stets hervorragend ab. 15-jährige Schülerinnen und Schüler aus dem Norden Europas konnten z. B. im Jahr 2000 besser lesen als die Schüler aller anderen OECD-Staaten; auch in Mathematik und in den Naturwissenschaften belegten sie Spitzenplätze.
Keine Isolation vom Leben
Und dann verblüffte das Land erneut. Im Kernlehrplan für die Grundbildung, der im August 2016 eingeführt wurde, lag der Fokus „auf übergreifenden (allgemeinen) Kompetenzen und schulfachübergreifender Arbeit“. Sogenannte „Phänomene“ sollten herkömmliche Disziplinen (wie Mathe, Englisch, Geschichte etc.) ersetzen. Die Nachricht machte weltweit die Runde.
Richtig ist, dass das Lernen ganz neu gedacht wurde. Zu den Grundgedanken zählt, dass die Schülerinnen und Schüler in permanenter Zusammenarbeit aktiv Wissen erlangen. Wissen wird nicht von einer Autorität, z. B. einem Lehrer, als trockener Stoff serviert, sondern durch Kommunikation und gemeinsame Problemlösung erarbeitet. Der Frontalunterricht bekommt damit einen Platz in der Mottenkiste. Wichtig dabei ist vor allem, dass die Schüler die Erfahrungen, die sie außerhalb der Schule machen, auch im Unterricht nutzen können. Es soll keine „Isolation vom Leben“ stattfinden – dafür stehen die „Phänomene“. Man könnte sie definieren als Unterrichtsphasen, die auf der Zusammenarbeit zwischen den Fächern beruhen und die Schüler dazu bringen, ganzheitlich authentische Themen zu erforschen. Alle Schüler in Finnland (zwischen 7 und 16 Jahren) sollen mindestens einmal jährlich eine solche Unterrichtsphase erleben. Abgeschafft sind die traditionellen Fächer damit nicht, aber sie werden kreativer genutzt.
Diese Grundidee ist ein entscheidender Schlüssel, um den Erfolg des finnischen Schulmodells zu verstehen, neben einigen anderen. Aber der Reihe nach:
1. Phänomene
Die „Phänomene“ bereiten wichtige Themen also ganz anders auf. Im Mittelpunkt stehen Teamarbeit, Alltagsbezug und die Überbrückung der Grenzen der Schulfächer. Ein Phänomen kann z. B. „Caféteria“ heißen und bestimmte Aspekte der Mathematik komplett anders vermitteln, nämlich am Beispiel von Lebensmittelmengen, Trinkgeldern oder Rechnungen. Gleichzeitig werden auch Fremdsprachen wie Englisch trainiert, denn man simuliert den Umgang mit ausländischen Kunden in einem Café oder einem Restaurant.
2. Schulnoten
Ein Berliner Vater forderte 2014 dazu auf, Zeugnisse zu rauchen, weil er nicht viel von Schulnoten hielt. Ganz so krass machen es die Finnen nicht, aber Schulnoten spielen bei weitem nicht dieselbe Rolle wie etwa in Deutschland. In den Klassen 1 bis 4 dürfen Ziffernnoten nicht vergeben werden. Auch ab der fünften Klasse gilt: es gibt keine Notenpflicht, und die gänzlich unkommentierte Vergabe von Noten von 1 (ungenügend) bis 10 (sehr gut) ist unzulässig. Die einzelnen Schulen dürfen selbst festlegen, auf welche Weise sie ein Feedback über den individuellen Lernfortschritt eines Kindes oder Jugendlichen geben wollen. In der Regel werden die Eltern miteinbezogen.
3. Dezentrale Strukturen
Dies führt direkt zur nächsten Besonderheit. Die Schulen haben generell viel mehr Gestaltungsraum, da der nationale Lehrplan für den Unterricht bewusst weitmaschig ist und nur allgemeine Ziele und Kerninhalte definiert. Die Pädagogen können frei damit umgehen, eigene Schwerpunkte setzen und auf die Bedürfnisse ihrer Schüler eingehen. Auch die Lehrmethoden sind nicht starr vorgeschrieben.
4. Ausbildung der Lehrer
Allerdings schaut die Bildungsbehörde sehr genau hin, wen sie in die Klassenräume lässt. Viele junge Menschen in Finnland wollen ein Lehramtsstudium beginnen, doch nur 9 Prozent der Bewerber*innen werden letztendlich zugelassen. Geachtet wird nicht zuletzt auf die kommunikativen Fähigkeiten der zukünftigen Pädagogen – denn darauf kommt es in der finnischen Schule an. Die Zeiten, wo eine Lehrerin Informationslieferantin und ein Schüler nur passiver Zuhörer ist, sind vorbei. Ergebnis: die Lehrer*innen in Finnland genießen höchste Anerkennung! Übrigens werden sie von den Lernenden geduzt, und niemand empfindet das als Autoritätsverlust.
5. Gute Ausstattung
Die Pädagog*innen werden unter anderem von Schulsozialarbeiter*innen und Schulspsycholog*innen unterstützt, die es an jeder Schule gibt. Neben der guten personellen Ausstattung ist auch der technische Standard sehr hoch: hervorragende digitale Endgeräte sind z. B. eine Selbstverständlichkeit. Die Schulküchen bieten den Kindern und Jugendlichen eine warme Mahlzeit pro Tag gratis an.
6. Gemeinschaftsschule
Bis zur neunten Klasse gehen alle Schüler*innen auf eine Gemeinschaftsschule. Die frühe Sortierung und Festlegung auf einen Schultyp (Hauptschule, Realschule oder Gymnasium), wie sie in Deutschland praktiziert wird, entfällt. Stattdessen achten Schüler*innen und Lehrer*innen gemeinsam darauf, dass auch schwächere Lernende nicht abgehängt werden. So wird nebenbei auch noch Solidarität geübt!





